Drei Deckel schweben über einer offenen Blechdose. Niemand fragt sich beim Anblick des Bildes, wie sie dahin gekommen sind – und genau das ist die Idee.
Das Motiv ist für die Produktdesignerin entstanden, die diese Blechdosen-Familie für einen Kunden entworfen hat. Sie wollte Referenzaufnahmen für ihre Website, Arbeitsproben, die ihre Designarbeit zeigen und nicht das Endprodukt im Verkaufsregal. Drei Farben, drei Deckel, eine einzige Aufnahme – die Frage war, wie man so ein Bild zustande bekommt, ohne in der Nachbearbeitung lange Stunden in Photoshop zu verbringen.
Der schnelle Weg wäre Photoshop
Die naheliegende Lösung ist Composing. Die Dose einmal frontal fotografieren, jeden Deckel separat in der gewünschten Drehung aufnehmen, dann in der Postproduktion freistellen, in Ebenen über die Hauptaufnahme legen, Spiegelungen und Schatten simulieren, fertig. Eine Stunde Arbeit, manchmal zwei.
Das Ergebnis ist meistens brauchbar. Aber wer so etwas öfter macht, kennt die kleinen Tells: Lichtkanten, die nicht ganz zur Szene passen, Schatten, die zu sauber oder zu unsauber sind, eine Reflexion auf der mattlackierten Oberfläche, die in der einen Aufnahme stimmte und in der zweiten leicht anders ausgefallen ist – und im Composing nebeneinander liegt. Im Detail kann man oft nicht sagen, was nicht stimmt. Aber dass etwas nicht stimmt, merkt man mehr als man es sieht.
Wie der Aufbau im Studio aussah
Hauchdünne Nylonfäden, drei Leuchten, ein einziges Foto. Das war die Aufnahme.
Die Deckel hängen an Fäden, die so dünn sind, dass sie praktisch unsichtbar sind. Aufgehängt sind sie an einer Konstruktion außerhalb des Bildfelds – die Spuren, die diese Fäden im Bild hinterlassen, werden später retuschiert, aber das ist Feintuning, kein Zusammensetzen aus mehreren Aufnahmen.
Der Untergrund besteht aus ein paar losen Fliesen, einfach auf den Studiotisch gelegt. Echte Kachelfugen, echte Spiegelung, echtes Licht – nicht später hineingerechnet. Eine Lampe steht hinten, leicht erhöht, schießt durch eine transluzente Folie und schafft die Vignette mit dem hellen Spot, der das Auge auf die Dose zieht. Und: ohne Licht von hinten gibt es keine saubere Spiegelung auf dem Untergrund.
Ein Flächenlicht rechts und eines links von schräg vorne. Damit werden die zarten Verläufe auf den Oberflächen erzeugt, sonst sehen die Oberflächen einfach zu langweilig aus. Zusätzlich entsteht so die Dreidimensionalität des ins Blech geprägten Logos.
Als Effektlicht habe ich noch eine starke Leuchte in der Dose versteckt. Die brachte gerade genug Licht mit, um das silbrige Innere zu beleuchten.
Eine Kamera, etwas Licht, drei Deckel an Fäden – mehr ist es nicht.
Was den Unterschied macht
Drei Punkte, an denen sich Aufbau und Composing unterscheiden – und die im fertigen Bild zusammen den Unterschied machen.
Licht. Wenn drei Objekte gleichzeitig im Bild stehen, fällt das Licht auf alle drei aus exakt demselben Winkel. Die Glanzlichter wandern logisch über die schrägen Flächen, die Schatten fallen aus der gleichen Richtung. Im Composing müsste jede einzelne Aufnahme so positioniert werden, dass das Licht später passt – das geht, aber jede dieser Positionen ist Spielraum für Fehler.
Spiegelung. Die Fliesen unter der Dose spiegeln. Wenn die schwebenden Deckel real darüber hängen, gibt es eine schwache Andeutung von ihnen im Boden – eine Reflexion, die das Auge nicht bewusst registriert, aber die zur Glaubwürdigkeit der Szene beiträgt. Im Composing müsste man diese Spiegelungen separat erzeugen, mit allen Farb- und Helligkeitsproblemen, die das mitbringt.
Glaubwürdigkeit. Das ist der Punkt, den man nicht in einer Liste fassen kann. Ein Foto, das wirklich passiert ist, sieht im fertigen Bild anders aus als eines, das später zusammengesetzt wurde. Auch wenn man im Detail nicht sagen kann, woran es liegt – das Auge merkt es. Bei einem Bild, das die Designarbeit präsentiert, ist genau diese Unverdächtigkeit die Hälfte der Botschaft.
Wann Composing trotzdem die bessere Wahl ist
Aufbau ist nicht für jede Situation der richtige Weg. Es gibt Fälle, in denen Photoshop schlicht der schnellere und sicherere Weg ist – und das anzuerkennen, gehört zur ehrlichen Antwort auf die Composing-Frage.
Wenn Objekte zu schwer für Nylonfäden sind oder physikalisch nicht sauber positionierbar. Wenn die Inszenierung Sicherheit gefährden würde – heiße, scharfe oder zerbrechliche Komponenten, die nicht über einer Szene baumeln sollen. Wenn mehrere Aufnahmen aus unterschiedlichen Locations oder Zeitpunkten in ein Bild müssen. Wenn die Logistik ein einziges Setup unmöglich macht, etwa bei laufenden Produktionen oder schwer zugänglichen Standorten.
Bei den Blechdosen-Deckeln war keine dieser Bedingungen erfüllt. Drei leichte Deckel, ein stabiler Aufbau außerhalb des Bilds, ein Licht, das für alle gleichzeitig leuchtet – in dieser Konstellation entscheidet man sich für die Aufnahme, nicht für die Postproduktion.
Was bleibt
Was im Studio gebaut wird, muss man später nicht simulieren. Das ist keine Glaubensfrage, das ist ein Zeit- und ein Bildqualitätsfaktor in einem. Ein weiterer Aspekt, der auch immer wichtiger wird: ein echtes Foto beweist, was ein Composing oder ein CGI-Rendering nur behaupten kann.
Wenn Sie eine Aufnahme im Kopf haben, die nach aufwändigem Composing klingt, lohnt sich vor dem ersten Photoshop-Schritt eine Frage: Geht das auch anders? Manchmal ist die Antwort „Nein". Aber überraschend oft ist sie „Ja" – und das fertige Bild zeigt es.
Haben Sie ein Motiv im Kopf?
Wenn Sie wissen wollen, ob sich ein Aufbau im Studio lohnt oder Composing die bessere Wahl ist: Ich schaue mir die Idee gerne an.
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