Wer Produkte fotografiert, die ein Produktdesigner entworfen hat, fotografiert nicht die Produkte. Er fotografiert Designentscheidungen. Ich erlebe es regelmäßig: Die Objekte kommen ins Studio, gut verpackt, sorgfältig beschriftet – und die erste Frage sollte nicht sein "wie wird das scharf?", sondern "was hat die Designerin hier eigentlich gedacht?". Wer diese Frage nicht stellt, liefert am Ende Katalogbilder. Die zeigen das Objekt. Aber nicht die Kreativität dahinter.
Was ein Portfolio-Foto leisten soll, das ein Produktfoto nicht muss
Ein Packshot dokumentiert: Form, Farbe, Oberfläche. Das hat seinen Funktion z.B. im Onlineshop, im Katalog, im Datenblatt. Ein Portfolio-Foto erklärt. Es zeigt nicht nur, wie etwas aussieht, sondern warum es so aussieht. Welche Entscheidung dahintersteckt. Was das Produkt kann, das das günstigere Standardprodukt nicht kann. Für eine Produktdesignerin habe ich rund 15 von ihr entworfene Werbeartikel an zwei Studiotagen fotografiert – für ihre Website, als Präsentation ihrer Arbeit. Jedes Stück trug eine Designleistung, die sichtbar werden musste:
- - Ein Regenschirm, dessen Griff eine Taschenlampe ist – und den regennassen Boden ausleuchten kann
- - Ein Notizbuch, in dessen Rücken ein USB-Stick steckt als digitale Ergänzung
- - Ein Kofferset aus drei Größen, die sich platzsparend ineinander verstauen lassen – und ein neonfarbenes Innenfutter, das es leichter macht Dinge im Koffer zu finden.
- - Eine Kosmetiktasche mit metallisch schimmernden Facetten – die sich trotzdem biegen lässt
Jedes dieser Details steckt hinter einer Entscheidung. Und der Betrachter auf der Website der Designerin kauft kein Produkt – er entscheidet, ob er ihr einen Auftrag gibt.
Was passiert, wenn das Shooting das falsche Ziel hat
Katalogbilder für ein Portfolio zu verwenden ist der häufigste Fehler bei Designer-Präsentationen. Das Objekt ist scharf, der Hintergrund neutral, das Licht sauber – und trotzdem sagt das Bild nichts über die Designerin aus.
Es zeigt, dass ein Produkt existiert. Nicht, dass jemand darüber nachgedacht hat. Der Schirm mit der integrierten LED-Leuchte ist auf einem neutralen Freisteller ein einfacher Regenschirm.
Wer nicht weiß, was er kann, sieht es nicht. Designarbeit erklärt sich nicht immer von selbst.
Wie das Bild Designleistung sichtbar macht
Die Entscheidung zeigen, nicht nur das Ergebnis.
Der LED-Lichtkegel des Schirms ist im Bild sichtbar – das Setup dafür war dunkel genug, damit das Licht wirkt, und hell genug, damit der Schirm noch zu erkennen ist. Zwei Aufnahmen, zwei verschiedene Stimmungen, eine Aussage: Dieser Schirm kann etwas, das andere nicht können.
Manchmal ist die Entscheidung, etwas nicht zu entfernen, die bessere.
An mehreren Produkten war das CE-Zeichen sichtbar. Ein klassischer optischer
Störer – den ich in der Retusche normalerweise entferne. Hier blieb er drin.
Das CE-Kennzeichen steht für Zertifizierung und Produktsicherheit: genau das,
was die Designerin mit ihren Werbeartikeln kommunizieren will. Wer das entfernt,
retuschiert das Qualitätsversprechen weg.
Die Eigenschaft erfahrbar machen, nicht beschriften.
Die Kosmetiktasche sieht aus wie Metall. Sie ist es nicht – und das ist die Leistung. Hart und strukturiert in der Optik, weich und biegsam in der Hand. Das kann selbst Text nicht gut erklären. Das zeigt man: zwei unterschiedlich weit geöffnete Taschen, Licht, das die Facetten scharf zeichnet. Wer das Bild sieht, versteht die Designleistung.
Licht einsetzen, das das Argument trägt.
Beim Kofferset war die Nestbarkeit der drei Größen die eigentliche
Designleistung. Das neongelbe Innenfutter ist dabei kein
Hauptargument, aber durch seine Reflexion macht es die Kofferoberfläche
lebendiger. Kleine Studioleuchten im Hohlraum, von außen nicht sichtbar, ließen
das Innere so leuchten, wie es die Aufnahme brauchte. Setup-Planung vor dem
ersten Blitz.
Die Funktion zeigen
Der USB-Stick hat sein Zuhause im Deckel des Notizbuchs. So ist er immer parat. Per Doppelbelichtung die halbtransparent eingeklinkt wurde, zeigt der Stick, was er kann. Sonst fragt sich der Betrachter, wo der Pfiff ist. Aber erst durch die zweite Ansicht sieht man auch, was in dem Notizbuch steckt.
Vor dem Shooting: Das Briefing, das den Unterschied macht
Manche der Produkte in diesem Projekt lagen monatelang im Archiv der Designerin – gelagert, mehrfach präsentiert, entsprechend beansprucht. Das gehört zur Realität von Portfolio-Shootings. Nicht jedes Objekt kommt frisch aus der Produktion.
Die entscheidende Frage vorab ist deshalb nicht "ist das Produkt in perfektem Zustand?", sondern "was soll das Bild über die Designleistung aussagen?" Davon hängt ab, welche Motive entstehen, wie das Setup aufgebaut wird und was im Bild sichtbar sein muss – und was nicht.
Für Portfolio-Aufnahmen von Designerinnen und Designern kläre ich im Vorfeld:
- - Was ist die Designentscheidung, die das Produkt besonders macht?
- - Welcher Nutzungskontext macht diese Entscheidung verständlich?
- - Was darf im Bild an Inszenierung sichtbar sein – und wo ist Zurückhaltung besser?
- - Wie werden die Bilder eingesetzt: Website, Pitch, Messe, Social?
Die Shot-List steht vor dem ersten Blitz. Nicht danach.
Designarbeit fotografieren klingt nach einem einfachen Auftrag: gute Bilder von guten Produkten. Der eigentliche Auftrag ist ein anderer – zu zeigen, warum diese Produkte besonders sind. Was die Designerin sich dabei gedacht hat. Und warum das etwas wert ist.
Ich führe das Briefing-Gespräch strukturiert vorab.
Kontakt aufnehmen oder direkt: fotograf@steffenbuchert.de
Bauteile, die noch nicht so aussehen wie sie sind?
Schicken Sie mir ein paar Teile und ein kurzes Briefing zu den geplanten Einsatzfeldern. Ich schlage einen Lichtstil vor, der zur Materialität und zur Bildsprache Ihres Unternehmens passt.
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