HELDENREISE – ISLAND II

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TAG 1

Der Anfang einer Reise ist immer ein bisschen wie ein Start in einen neuen Lebensabschnitt. Man hat noch nicht so den Überblick, was einem alles bevorsteht, alles ist neu und jeder Schritt ist ein erster. Die Sprache kann ein Hindernis sein, das einen auf die Kommunikationsstufe eines Dreijährigen versetzt, und in unserem Falle kam noch die ungewohnte Tageslänge dazu. Es ist 10.00 Uhr „früh“, die Sonne fängt ganz langsam an, sich über den Horizont zu quälen und wird wohl gegen 17.30 den Feierabend einläuten.

Wir fahren auf der Ringstraße Richtung Süden. Alle fahren auf der Ringstraße, sie bringt einen an die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und ist mittlerweile perfekt ausgebaut. Keine Schwierigkeiten in Sicht. Überraschend nur, das „alle“ zu dieser Jahreszeit dann doch überraschend viele Menschen meinte. Island ist zu Recht ein beliebtes Reiseziel – zu jeder Jahreszeit.

Wir halten an den ersten Plätzen, wo wir die Chance haben auf halbwegs gute Fotos. Wir brennen.

Selbst der nur mittelspektakuläre  Blick von einem Parkplatz über das leicht verschneite Tal mit beleuchteten Häusern im späten Sonnenaufgang machte uns glücklich. Spätestens hier fallen uns auch die vielen asiatischen Touristen auf die wild Selfies machten – teilweise mit Plüsch-Pandas.

Plüsch Panda

Plüsch Panda

Nach einem weiteren Stopp an einer kleinen Kirche mit LED beleuchteten Grabkreuzen, halten wir in Selfoss, um Nahrungsmittel zu kaufen. Teuer. Wir entscheiden uns für Würstchen, Hot-Dog-Brötchen, Senf und Käse. Wir sind Männer, wir brauchen wenig, um glücklich zu sein. Wie sich herausstellt, hat Heiko ein unglaubliches Talent nur mit einem Taschenmesser bewaffnet kalte Hot-Dogs zu machen.

Jetzt kommt Foss auf Foss

Der erste Wasserfall auf unserer Reise ist dann der Urriðafoss. Islands wasserreichster Wasserfall. Eher unbekannt und fast ein bisschen unscheinbar. Nicht irre hoch, aber breit und in eine flache, jetzt im Winter leicht schneebezuckerte Landschaft eingebettet. Hübsch. Besonders angetan haben es mir die großen Steine am Rand, die durch die Schneehauben wunderbar grafische Motive abgeben. Um an Wasserfällen per Langzeitbelichtung diesen seidigen Effekte erzielen zu können haben wir diverse Neutraldichte-Filter dabei. Mit den Dingern kann man die Belichtungszeiten um das bis zu 1000-fache verlängern. Bei drei Minuten Belichtungszeit wird alles was sich bewegt unscharf, weich und elegant während feststehende Bildelemente scharf bleiben – natürlich nur, wenn man ein stabiles Stativ verwendet, sonst wird alles unscharf aber halt nicht weich und elegant. Die relativ großen Filter (100 x 100 mm) die ich verwende sind allerdings auch perfekt um Schneeflocken zu fangen. Und Regentropfen. Und Gischt. Ein sauberes Mikrofasertuch sollte also zur Hand sein.

Urridafoss

Urridafoss

Außerdem hat hier Simons Drohne ihren ersten Einsatz. Ich war bislang kein allzu großer Fan von diesen Dingern, aber ich muss sagen, die Möglichkeiten sind schon faszinierend.

Wasserfall Island

Seljalandsfoss

Der nächste Stopp ist auch der nächste Wasserfall auf der Route. In Island gibt es mehr von diesen Dingern, als Bushaltestellen. Schon die Strecke kurz vor dem Seljalandsfoss ist toll, weil man die Vestmännerinseln sehen kann und die flache Landschaft mit dem Gletscherabfluss wirklich irre aussieht.  Mich machen solche grafischen Landschaften ja ungemein an. Ein großes Thema meiner malerischen Arbeiten war auch immer das farbliche und strukturhafte Zusammentreffen von Flächen. Hier zeigt die Natur mal wieder, dass es keine Abstraktion gibt. Wo man glaubt sich vom Motiv gelöst zu haben ist man nur wieder in die Nähe eines anderen gelaufen.

Vestmannaeyjar

Vestmannaeyjar

Der Wasserfall stürzt 66 Meter tief und ist prinzipiell sogar zu hinterlaufen. Heute ist allerdings so viel Eis auf allen Wegen, Brücken und Stiegen, dass es hirnrissig wäre, sich dieser Gefahr auszusetzen und vielleicht schon am ersten Reisetag die Ausrüstung zu zerdeppern. Egal. Wir kommen bestimmt wieder.

Ein paar Fotos von oben sollten dann allerdings doch schon sein, die Holztreppe an der Seite des Falles sieht vertrauenserweckend aus. Der Schein trügt allerdings. Es ist grenzwertig und reines Glück, dass wir schadlos davonkommen. An den würdelosen Versuch, die kleine vereiste Brücke zu überqueren, mag ich gar nicht mehr denken.

Eispanzer

Eispanzer

Nordlicht

Nächster Stopp: Skogafoss. Wir hatten total gewieft Hotelzimmer in direkter Nähe zu einem der berühmtesten Wasserfälle Islands gebucht. Vom Zimmer aus hat man direkten Blick auf den prächtigen Wasserfall und in der ersten Nacht können wir auch gleich das erste Nordlicht „abhaken“. Es ist Neumond und wolkenlos, also perfekte Bedingungen.

Nordlicht am Skogarfoss

Nordlicht am Skogarfoss

Kleines Zitat aus einer anderen Welt: „Das Bergsteigen wird durch die Existenz von Bergen ungemein erschwert.“ Stimmt. Und „Nachtaufnahmen werden durch das Fehlen von Tageslicht auch ziemlich schwierig.“

Zwar mit dem bloßen Auge unsichtbar, aber mit hinreichend langer Belichtungszeit durchaus auf den Chip zu bannen „fangen“ wir unser Nordlicht ein. Bei 20 Sekunden mit ISO 6400 sieht das Ergebnis ganz gut aus, an der Grenze von der Punkt- zur strichförmigen Abbildung der Sterne zwar, aber gerade noch o.k.

Ich mache die meisten Landschaftsaufnahmen auf dieser Reise mit dem 10-24 mm f4, d.h. „Offenblende“ ist hier schon ganz schön zu, das sieht man auch an der nötigen Empfindlichkeit. Leider habe ich kein vergleichbares Festbrennweiten-Weitwinkel.

Wir stehen still und ergriffen auf der leeren Fläche vor dem Foss. Eine Bewegung neben mir lässt mich zusammenschrecken und erst dann bemerke ich, das sich ca. 20 weitere Fotografen ebenso leise wie wir hinter uns aufgebaut haben. Im Schein ihrer Kameradisplays kann man begeisterte Gesichter erahnen.

Blöd hier ist nur, dass die Wassermassen eine erhebliche Menge an Gischt erzeugen, die a) die Bilder leicht unscharf machten b) die Kamera benetzen und c) gefroren – es wurde nämlich fies kalt. Am nächsten Morgen ist die Stelle an der wir fotografiert hatten praktisch nicht mehr zu erreichen, weil sich ein zentimeterdicker Eispanzer auf die Steine gelegt hat.

 

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