HELDENREISE – ISLAND I

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Drei alte Jugendliche auf Weltenspaziergang

Der Anfang – ein Rückblick

Ich bin 50.

Das ist erstmal nicht schlimm.

Schlimm ist, dass viele Männer in diesem Alter damit anfangen seltsame Eigenschaften zu entwickeln. „Special Effects“. Noch mal verrückte Sachen machen. Jung sein. Bei mir war das nicht so. Vielleicht, weil ich kurz vorher knapp an einem Burn-out vorbeigeschrammt bin, vielleicht weil ich latent zufrieden bin…keine Ahnung.

Auf jeden Fall hatte ich so ein Gefühl, das was fehlt. Freunde hatten sich bizarre Autos gekauft, exotische Hobbies angefangen… mir fehlte da jeder Nerv zu. Seltsam.

Bis Simon fragte, ob ich Lust hätte bei einer Fotoreise mitzufahren. Nur Männer. Nach Island. Im Winter.

Ich war – nach vorsichtiger Rücksprache mit der tollsten Ehefrau von allen – Feuer und Flamme.

 

Nebenschauplätze

Ich reise ja für mein Leben gerne, vor allem an fotografisch interessante Plätze, aber ich habe ja auch einen Beruf. Glücklicherweise besteht der darin Bilder zu machen. Einer unserer Kunden hatte gerade Maschinenteile ins exotische Ausland verkauft und hätte die fertigen Anlagen gerne im Rahmen einer Videodokumentation präsentiert. Er befürchtete aber, der Aufwand jemanden dorthin zu schicken sei viel zu groß. Der Kunde unseres Kunden sitzt in (Trommelwirbel) Reykjavik. Wie sieht’s Ende Februar aus, Ja? Fein. Schön, dass wir darüber geredet haben.

Das Problem das jetzt auf uns zukam war, dass wir jetzt deutlich mehr Ausrüstung mitnehmen mussten, als ursprünglich geplant war. Als Fotograf kommt man mit relativ kleinem Gepäck aus. Eine Kamera, zwei/drei Objektive, ein Stativ – fertig. Für Video geht’s ganz anders zur Sache: Slider (schwer), Follow Fokus (kompliziert), Monitore (empfindlich), spezielle Videoobjektive (teuer), Tonaufnahmegerätschaften (sperrig), eine Drohne (schwer, kompliziert, empfindlich, teuer, sperrig) … definitiv Zusatzgepäck, viel Zusatzgepäck.

Das letzte Treffen vor dem Abflug war daher der Ausrüstungsoptimierung gewidmet – natürlich mit dem obligatorischen Stativvergleich: Meins ist größer, kleiner, stabiler, leichter… Amateure reden über Megapixel, Profis über Stative, so ist das halt. Denn man kann ein mittelmäßiges Objektiv ratzfatz auf die Qualitätsstufe einer Top-Profi-Linse bringen, indem man die Kamera mit dem günstigen Teil auf ein Stativ schraubt während man mit der „Profioptik“ aus der wackligenHand fotografiert.

Size does matter.

Die größten Probleme machte lustigerweise das unscheinbarste Objekt: meine Tonangel, eine Teleskopstange, an der man ein Mikrofon über den Interviewpartner halten kann, ohne dass es ins Bild ragt. Die ist nämlich exakt 2 cm länger, als sämtliche Koffer und Taschen die ich besitze – auch diagonal. Zum Glück hatte Simon einen Koffer aus flexiblem Material, sonst hätte ich zur Säge greifen müssen. Aber auch dieser Koffer kam an seine Grenzen. Vielleicht sollte man mal an die Firma Røde schreiben…

BTW: wir hatten jetzt zwar das komplette Audioaufnahmeequipment dabei, aber keinen Tontechniker. Aber was soll’s, wir sind Männer, wir kommen klar.

Ausrüstung, neudeutsch auch „Equipment“ oder „Gear“, ist eine der großen Leidenschaften eines jeden Fotografen. Selbst die, die heftig abstreiten vom sog. „Gear Aquisition Syndrome (G.A.S.)“ (dt. Hemmungslose Ausrüstungs Kaufsucht) befallen zu sein, haben i. d. R. zumindest einen intensiv gepflegten Fototaschen-Fetisch entwickelt. Man hat nie die perfekte Fototasche.

Wenn man, wie ich, professionell Foto- und Videoaufnahmen anbietet, ist das wie gleichzeitig schokolade- und pizzasüchtig zu sein. Man kann jederzeit aufhören – nur, warum? Dem Profi bietet sich so nämlich die Gelegenheit praktisch jedes Stück Technik doppelt zu kaufen (Warum auch nur eines, wenn ich für doppelt soviel Knete zwei haben kann?) „Backup“ nennt sich das. Die Backups wollen auch transportiert werden… eines führt zum anderen. Ein Teufelskreis.

Die Reise geht los

Wir standen mit einer ordentlichen Menge Zeug am Flughafen, hatten einen gewissen Respekt vor der Waage und hofften darauf, dass die Handgriffe unserer Koffer halten würden. Wer versucht ein übergewichtiges Stück Bordgepäck durch betont lässiges Herumhantieren „leicht“ wirken zu lassen, spielt mit dem Feuer (in Form von übel gezerrten Bänder und überdehnten Gelenkkapseln).

Zusatzgepäck

Zusatzgepäck

Meine Bedenken, dass mein nagelneues Karbon-Videostativ den Transport nicht überlebt waren unbegründet. Das hätte unserer Videoaufnahmen durchaus beeinträchtigen können. Ohne ordentliches Stativ geht gar nix. Dabei zählt nicht mal der Stabilitätsaspekt. Professionelles Equipment dient zu einem erheblichen Grad dazu, den Kunden zu beeindrucken – „Show-of-Force“ nenne ich das gerne. Es gibt heute Möglichkeiten tolle Aufnahmen mit „kleiner“ Ausrüstung zu machen, aber wenn’s um Bezahlung geht, zählt doch oft Größe. Ausrüstung kommt allerdings erst auf Platz 2. Vorbereitet sein ist das Wichtigste. Man hat ein Konzept zu haben.

Der Unterschied zwischen einer „Urlaubsreise“ und einer „Fotoreise“ ist gravierend. Man kann auf jeder Reise fotografieren, allerdings strapaziert das oft die Nerven der nicht fotografierenden Mitreisenden über Gebühr. Die perfekten Zeiten für Fotografen sind nur selten die perfekten Zeiten für andere Menschen. Die wollen Essen gehen, ausschlafen, weiterfahren…all solche Aktivitäten, die zu Zeiten bzw. an Orten stattfinden, die dem deutlich Anderes bieten. Das Licht ist am frühen Morgen und am frühen Abend am schönsten, Nahrungsaufnahme blöderweise auch. Nachts für Stunden auf einem langweiligen Platz zu stehen und zu warten bis der Mond richtig steht kann man der eignen Familie nicht zumuten. Mit anderen Fotobegeisterten geht das. Die lassen ebenfalls begeistert das Besteck fallen und rennen vor die Tür, wenn dort gerade das Licht perfekt auf einen unscheinbaren Felsbrocken fällt. Lieber kalte Pizza, als eine verpasste Gelegenheit. Ich liebe das.

Drei unterwegs

Drei unterwegs

Mit unserem Mietwagen, einem Volvo XC90: Allrad, Spikereifen, tierisch viel Platz, jede Menge Schnickschnack und ein isländisches Navi fuhren wir in den – recht frühen – Sonnenuntergang.

Erster Stopp: Übernachtung in Reykjavik zum Bodenkontakt bekommen und ein paar erste Eindrücke sammeln. Das Hotel – Mittelklasse. Die Stadt – Oberklasse. Die Preise – Premium. Wir hatten so eine Ahnung, wie teuer ausgehen sein würde, aber es erschreckt einen dann doch. Entspannt doppelt so teuer wie zu Hause. Allerdings ist die Qualität in Restaurants auch durchgehend spitze, wir sollten während unseres Aufenthaltes auf kein einziges übles Lokal treffen.

Nach einem hervorragenden Burger/Spareribs-Dinner waren wir bereit für die erste Nacht auf der Insel und den richtigen Start ins Abenteuer.

Dinner in Reykjavik

Dinner in Reykjavik

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