Was macht ein gutes Produktfoto aus?

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Nicht nur ein „Passbild für Technikkram“.

Was ist ein Produktfoto? Und: Was ist ein gutes Produktfoto?

Zwei relevante Fragen, wenn man sich mit dem Thema Technikfotografie beschäftigt.

Feuchtigkeitssensor in natürlicher Umgebung

Feuchtigkeitssensor in natürlicher Umgebung

Da stelle mer uns mal janz dumm und fragen Wikipedia:

Die Produktfotografie (auch als Objekt- oder Gegenstandsfotografie bezeichnet) ist ein wichtiger Teilbereich der Werbefotografie. Es geht hier um die angemessene (und das heißt in erster Linie: verkaufsfördernde) fotografische Präsentation von Waren und Gütern aller Art.

Aha. Also ist auch ein Handyfoto einer Kaffeetasse für eine Flohmarktwebsite ein Produktfoto. Ja. Schon. Den Kopf auf einen Kopierer zu legen und sich zu „xerografieren“ ist dann aber auch ein Portraitfoto. Klar.

Sonderfall Katalogfotos

In technischen Katalogen sieht man meistens relativ einfache in Serie fotografierte Abbildungen von Objekten (Schrauben, Werkzeug, Plastikbauteile etc.) die nicht nur den industriellen Massencharakter der Produkte sondern auch den der fotografischen Umsetzung erkennen lassen. Ich sehe das wertfrei, denn es ist immer auch eine Frage des Budgets, was geht und sinnvoll ist. 1837 individuelle ausgeleuchtete Aufnahmen von Dübeln will wohl niemand bezahlen.

Idealfall Markenwirksamkeit

Aber wenn es mal in die Richtung geht wo die Marke und das Unternehmensimage betroffen ist, dann sollte man schon mal darüber nachdenken, wie viel Enthusiasmus man in die Produktabbildungen steckt. Immer daran denken: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Alles trägt zur Vermittlung der Marke bei.

Kunststoff in der Medizintechnik

Kunststoff in der Medizintechnik

Ich bin ein Fan einer Aussage von Steve Jobs: „Man muss es ablecken wollen.“ Er bezog sich auf die Gestaltung der iPhone-Buttons, ich denke aber dieses Credo sollte für alle Produktfotos gelten. Mein Ziel ist in der Regel: „Der Kunde soll auch gleich Fine-Art-Prints bestellen wollen, sobald er die Fotos sieht.

Soviel zu meiner Motivation. Jetzt zur Umsetzung.

Die Kunst bei Produktfotos ist, einiges zu zeigen:

  • die verwendeten Materialien
  • die Farbe
  • die Funktionalitäten
  • die Dimensionalität (Größe, Seitenverhältnisse, technische Strukturen etc.)

Das Material

Der Idealzustand ist erreicht, wenn man beim Foto das Gefühl hat, man könnte über die Oberfläche streicheln und würde das frisch gedrehte Metall, den edelmatten Kunststoff und den sinnlich strukturierten Lack fühlen können. Einen haptischen Reiz mit den Augen vermitteln – nicht mehr, nicht weniger.

Material - die feinen Riefen der Metallbearbeitung geben klare Informationen zum Werkstoff
Metallflansch
Metallflansch - Detail

Was transparent ist, sollte auch transparent bleiben. Idealerweise mit einer feinen Spiegelung, damit man den Hochglanz ahnen kann. Reflektierendes Material kann man kaum klassisch beleuchten, man muss die Lichtquellen einspiegeln und das kann manchmal echt elend sein, weil sich natürlich alles „einspiegelt“, was im Fotostudio so rumsteht. Anspruchsvoll, ja. Aber auch, weil es sich um ein anspruchsvolles Produkt handelt.

Bei transparenten Material und auch bei sehr dünnen Werkstoffen hilft Gegenlicht. Denn Licht von hinten kann die unterschiedlichen Materialstärken elegant sichtbar machen. Das nutzen Foodfotografen und auch der gewiefte Produktfotograf sollte so sein Material präsentieren.

Keramikrad

Keramikrad

 

Brille mit Vintageumfeld

Brille mit Vintageumfeld

Die Farbe

Bei den meisten Produkten kommt es darauf an, dass Farben auch so wiedergegeben werden müssen wie sie am Original aussehen. Hier ist natürlich notwendig, dass man mit einer farbneutralen Beleuchtung wie einer Studioblitzanlage oder zumindest mit einem Kontrollmedium wie einer Farbmesskarte arbeitet. Die Blitzanlage garantiert Tageslichtqualität, die Farbmesskarte ermöglicht es in der Bildbearbeitung die neutralen Farben exakt einzustellen.

Metall, das grundlos in bunten Farben schimmert oder lustig grüne Reflexe auf gelbem Kunststoff irritieren nur und lassen Schlampigkeit ahnen, die auch schnell auf die Marke übergreift.

Die Funktionalität

Wenn ein Gerät ein Scharnier oder einen Stecker (bzw. Buchse) hat, dann darf man das sehen. Ich bin auch kein Feind davon bestimmte Bearbeitungsspuren restlos wegzuretuschieren. Es handelt sich ja immerhin nicht um Hautunreinheiten, sondern um Spuren eines spezifischen Herstellungsprozesses. Ich durfte z.B: lernen, dass Schlieren in bestimmten Kunststoffteilen keine Fehler sind, sondern dem Kenner zeigen, wie der Materialfluss in der Spritzgussform war – also mitunter ein Qualitätsmerkmal.

Die Dimensionalität

Achtung Kalauer: Alles hat soviele Saiten wie eine Gitarre nämlich sechs (oben, unten, hinten, vorne, rechts und links). Wieviele man davon gleichzeitig zeigen kann ist leider limitiert. Eine bis drei gehen meist ohne Probleme. Für mehr benötigt man Hilfsmittel wie Spiegel oder andere reflektierende Oberflächen.

Schlecht gephotoshoppte Spiegelungen, die völlig unlogisch auch gerne mal auf nichtreflektierende Oberflächen gebastelt werden kennt jeder. Man kann, darf und manchmal muss man sogar Spiegelungen ins Bild retuschieren, aber man sollte sich vorher schon mal angeschaut haben, wie so eine Spiegelung eigentlich aussieht.

Für Schatten gilt das gleiche: Ein Schatten gibt dem Objekt Schwere und Position, er verstärkt die Wirkung der Lichtführung und der Dramatik – oder er macht alles kaputt. Ich mag Schatten, weil ich keine freigestellten, fliegenden Produkte auf einer Broschürenseite leiden kann. Aber unlogische Schatten sind wie früher Socken zu Weihnachten: gut gemeint, aber eigentlich sch…

Bauteile aus halbtransparentem Kunststoff

Bauteile aus halbtransparentem Kunststoff

 

Alle Materialien sind perfekt zu erkennen - so soll das sein

Alle Materialien sind perfekt zu erkennen – so soll das sein

Alternative Realitäten

Und dann sind da noch meine Lieblinge: die inszenierten Produktaufnahmen. Wenn die Realität nicht mehr ausreicht, dann erfinden wir einfach eine eigene. Der folgende Frosch wurde aus einem fotografierten Sensor, einem zugekauften Frosch, einem 3D-modelliertem Glas und einem handgemalten Hintergrund assembliert.

Feuchtigkeitssensor im Einsatz

Feuchtigkeitssensor im Einsatz